Sonntag, 05.02.2012
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Das Kolonkarzinom

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. med. Thomas M. Gress und Dr. med. Daniela Müller - Klinik für Gastroenterologie, Endokrinologie und Stoffwechsel; Philipps Universität Marburg, Fachbereich Medizin; Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH, Standort Marburg

Darmkrebsverteilung: 1. Zökum (ca. 14%), 2. Kolon ascendens (ca. 10%), 3. Kolon transversum (ca. 12%), 4. Kolon descendens (ca. 7%), 5. Sigma (ca. 25%), 6. Rektum (ca. 32%)
Häufigkeit
Die Häufigkeit des Dickdarmkrebs wird vielfach unterschätzt. Jährlich erkranken rund 71.000 Menschen an Darmkrebs, ca. 29.000 sterben daran. Im Vergleich dazu rechnet man in Deutschland mit etwa 7.000 Verkehrstoten pro Jahr. Insgesamt beträgt das Lebenszeitrisiko an Darmkrebs zu erkranken in Deutschland zur Zeit ca. 6 %, d.h. 6 von 100 Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens daran. Die Erkrankung betrifft überwiegend ältere Menschen, ca. 80% aller Darmkrebsfälle treten bei Personen über 60 Jahren auf.
Bei Frauen ist der Darmkrebs nach dem Brustkrebs die zweithäufigste Krebserkrankung, bei Männern ist er nach Lungen- und Prostatakrebs die dritthäufigste Krebsart. Die Lebenserwartung Darmkrebskranker hat sich in den letzten Jahren durch frühere Diagnose und bessere Therapie deutlich verbessert.


Ursachen
Wir wissen heute, dass sich ca. 90% aller Kolonkarzinome aus gutartigen Vorstufen, den sogenannten Polypen entwickeln. Die Entwicklung vom gutartigen Polypen zum bösartigen Tumor kann 10-15 Jahre dauern und wird von Wissenschaftlern Adenom-Karzinom-Sequenz genannt. Dies bezeichnet einen Vorgang, bei dem sich im Laufe der Jahre verschiedene Genveränderungen (Mutationen) in Darmschleimhautzellen anhäufen, sodass die Wachstumskontrolle verloren geht und es über gutartige Vorstufen (den sogenannten Polypen) zu unkontrolliertem bösartigem Wachstum kommt. Durch eine rechtzeitige Vorsorgekoloskopie (Darmspiegelung) können die gutartigen Vorstufen erkannt und entfernt werden, so dass fast alle Darmkrebserkrankungen vermieden werden könnten!
Bilder_gress
a) Kleiner Polyp               b) Großer Polyp                    c) Tumor  (Adenom-
                                                                                      Karzinom-Sequenz)                                                                                                              
In ca. 8% der Fälle liegt ein genetisch bedingter, erblicher Darmkrebs vor, der sich durch Gentests nachweisen lässt. Dazu gehören:
1) Familiäre adenomatöse Polyposis (1% aller Darmkrebsfälle): Bereits bei Jugendlichen bilden sich Hunderte von Polyen, aus denen im Lauf der Zeit obligat ein Darmkrebs entsteht. Aus diesen Gründen beginnt bei betroffenen Familienmitgliedern das Vorsorgeprogramm mit dem 10. Lebensjahr. Nach der Pubertät wird empfohlen den gesamten Dickdarm zu entfernen. Es besteht zusätzlich auch ein erhöhtes Risiko für andere Tumore wie Schilddrüsenkrebs oder Bindegewebstumoren.
Erblicher nicht polypöser Dickdarmkrebs (HNPCC) (5-7% aller Darmkrebsfälle): Der häufigste erbliche Darmkrebs mit einem erhöhtem Risiko auch für Gebärmutter-, Eierstock- und Harnleiterkrebs. Die Tumoren sind vor allem im rechten Kolonabschnitt lokalisiert und treten bis zum 45. Lebensjahr auf.


Risikofaktoren

Risikofaktor familiäre Belastung:
Menschen, in deren Familie bereits Darmkrebs oder Dickdarmpolypen vorgekommen sind, ohne dass es sich dabei um eine der oben erwähnten erblichen Darmkrebsformen handelt, haben ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst an einem Darmkrebs zu erkranken. Dabei ist bei Verwandten von Patienten mit Dickdarmkrebs ersten Grades (Eltern, Geschwister, Kinder) das Risiko etwa 2-3fach erhöht. Ist das Karzinom bei dem Verwandten vor dem 45. Lebensjahr aufgetreten oder sind mehrere Verwandte ersten Grades betroffen, steigt das Risiko auf das 3-4 Fache. Menschen mit einer familären Kolonkarzinombelastung sollten unbedingt 10 Jahre vor dem Zeitpunkt, zu dem das Karzinom bei dem Verwandten aufgetreten ist, eine Darmspiegelung (Koloskopie) durchführen lassen, spätestens jedoch mit dem 50. Lebensjahr.

Risikofaktor Darmpolypen:
Darmkrebs entsteht in den meisten Fällen aus gutartigen Darmpolypen. Dementsprechend ist das Karzinomrisiko, bei Menschen mit nachgewiesenen Polypen erhöht: Bei Polypen, die größer 1 cm sind, ist das Risiko ca. 4-fach gesteigert, bei multiplen Polypen sogar 4-6fach erhöht. Es ist daher wichtig, auch nach Entfernung der Polypen regelmäßig eine Kontrollkoloskopie durchführen zu lassen.

Risikofaktor chronisch entzündliche Darmerkrankung:
Wer an Colitis ulcerosa, einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, leidet, hat ebenfalls ein erhöhten Risiko, an Darmkrebs zu erkranken. Dabei ist da Risiko abhängig von der Dauer, der Ausdehnung und dem Alter, an dem man an Colitis ulcerosa erkrankte.
Der dauernde Entzündungsprozeß kann zu bösartigen Veränderungen der Schleimhaut führen. Es wird daher empfohlen, dass sich Patienten, die eine Colitis, bei der der gesamte Dickdarm befallen ist, nach 8 Jahren, Patienten, bei denen nur das linksseitige Kolon befallen ist, nach 15 Jahren einer jährlichen Vorsorgedarmspiegelung unterziehen sollten, bei der ausgiebig Gewebeproben (Biopsien) entnommen werden.
Beim Morbus Crohn des Dickdarms ist die Datenlage noch nicht ganz klar, wahrscheinlich besteht ebenfalls ein erhöhtes Risiko an einem Dickdarmkrebs zu erkranken, das jedoch geringer zu sein scheint als bei Colitis ulcerosa.

Risikofaktor Ernährung:
Übergewicht: Übergewichtige Patienten haben ein bis zu zweifach erhöhtes Risiko, an Darmkrebs zu erkranken
„Westlicher Ernährungsstil“: Unser typischer Ernährungsstil mit fett- und fleischreicher Nahrung mit wenig Obst, Gemüse und Ballaststoffen begünstigt die Entstehung von Darmkrebs. Bei übermäßigem Genuß von „rotem Fleisch“ (Rind, Schwein, Lamm, Wild) konnte ein erhöhtes Darmkrebsrisiko in Studien gezeigt werden. Andererseits gibt es Hinweise dafür, dass sekundäre Pflanzenstoffe wie sog. Physosterine und Saponine aus Obst und Gemüse vor Darmkrebs schützen können.
Die krebshemmende Wirkung von Ballaststoffen ist unter Experten umstritten, die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen empfiehlt trotzdem eine ballaststoffreiche Ernährung (mehr als 30g Ballaststoffe/d) als Prophylaxe.
Alkohol: Wer viel Alkohol trinkt, hat wahrscheinlich ein erhöhtes Darmkrebsrisiko. Das lassen mehrere Studien vermuten.

Risikofaktor Lebenstil:
Rauchen:  Rauchen ist nachweislich mit einem bis zu zweifach erhöhten Darmkrebsrisiko vergesellschaftet. Wahrscheinlich sind es die polyzyklischen Kohlenwasserstoffe, die die Erbsubstanz der Darmschleimhautzellen schädigen.

Körperliche Aktivität:
Personen, die sich viel bewegen, haben in Studien ein geringeres Risiko, Darmpolypen auszubilden und an Darmkrebs zu erkranken. Bereits 30 bis 60 min moderate körperliche Aktivität am Tag gehen mit einem verringerten Darmkrebsrisiko einher. Wichtig ist, dass dieser Effekt nicht an Hochleistungssport gebunden ist, sondern bereits mit einer moderaten sportlichen Betätigung, wie z.B. flotte Spaziergänge oder das Radfahren zur Arbeit zu erzielen ist.

Risikofaktor Diabetes: 
Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass Diabetiker (zuckerkranke Menschen) auch ein erhöhtes Risiko haben, Darmkrebs zu entwickeln. Möglicherweise wird dies durch die vermehrte Produktion von Insulin, gegen das der Körper jedoch resistent ist, vermittelt.


Prävention - Wie kann ich mich schützen?            


Wie kann ich das Auftreten von Darmkrebs verhindern?
Ändern Sie Ihre Ernährung und Ihren Lebensstil!
Die folgenden Ratschläge können Ihr Darmkrebsrisiko nachweislich senken:
  • Essen Sie nicht täglich „rotes Fleisch“.
  • Essen Sie viel Obst und Gemüse sowie ausreichend Ballaststoffe.
  • Achten Sie auf eine kalziumreiche Ernährung (min. 1g Calcium/ Tag)
  • Hören Sie mit dem Rauchen auf.
  • Trinken Sie wenig Alkohol.
  • Seien Sie körperlich aktiv, schon 30-60min moderate Aktivität am Tag reichen aus, das Darmkrebsrisiko zu senken.
  • Bekämpfen Sie Ihr Übergewicht.
Nicht sicher protektiv wirksam ist die Einnahme von Vitaminen, Selen oder regelmäßige Aspirin Einnahme.


Früherkennung - Was kann ich tun, damit ein evtl. Darmkrebs früh erkannt wird?


Vorsorgeuntersuchungen
Zur Früherkennung gibt es verschiedene Untersuchungsmethoden, die zum Teil auch miteinander kombiniert werden können:

  • Austastung des Mastdarms („rektale Untersuchung“): Dabei tastet Ihr Arzt mit dem Finger Ihren Mastdarm ab. Manche empfinden das als leicht unangenehm, schmerzhaft ist es bei Gesunden nicht.  Dabei können Tumore im Mastdarmbereich erkannt werden, höhersitzende Tumore natürlich nicht.
  • Test auf verstecktes Blut im Stuhl (z.B. Hämoccult): Große Darmpolypen und Dickdarmkrebs neigen dazu, immer wieder leicht zu bluten. Die Blutmengen sind dabei so gering, dass sie für das Auge nicht zu erkennen sind. Im Test macht eine chemische Reaktion das Blut sichtbar. Der Test ist störanfällig (nehmen Sie keine Blutwurst, rotes Fleisch, Rettich, hohe Dosen Vit C oder Aspirin/Diclofenac zu sich und führen Sie ihn nicht während der Regelblutung durch) und hat auch keine 100% Genauigkeit. Er wird an drei aufeinander folgenden Tagen durchgeführt. Fällt er positiv aus, heißt das noch nicht, dass unbedingt ein Darmkrebs vorliegt, da es auch andere Blutungsursachen im Darm gibt. Es sollte dann aber unbedingt eine komplette Darmspiegelung durchgeführt werden. Dieser Test sollte jährlich durchgeführt werden und wird ab dem 50. Lebensjahr von der Krankenkasse übernommen. Es gibt jetzt auch Testverfahren, die auf immunologischen und molekulargenetischen Testverfahren basieren und unabhängig von der Ernährung sind. Diese Tests sind wesentlich aufwendiger und teurer als der herkömmliche Test und werden von Experten bei nicht sicher nachgewiesenen Vorteilen nicht empfohlen und auch nicht von der Krankenkasse erstattet.
  • Koloskopie/Dickdarmspiegelung: Die komplette Dickdarmspiegelung ist die zur Zeit beste Methode zur Früherkennung von Polypen und Darmkrebs. Zunächst muss der Darm durch Einnahme einer Reinigungslösung am Vorabend und am Tag der Untersuchung gründlich gereinigt werden. Bei der Untersuchung führt der Arzt ein biegsames schlauchförmiges Untersuchungsgerät, an dessen Spitze sich eine Minikamera befindet, in den Darm ein. Die Bilder der Kamera kann er auf einem Monitor betrachten. Durch einen Arbeitskanal können spezielle Geräte zur Probenentnahme und Polypabtragung eingeführt werden. Der Arzt schiebt unter Insufflation von Luft, um den Darm besser zu entfalten, das Gerät bis zur Grenze vom Dick- zum Dünndarm vor. Dies wird von manchen Patienten als unangenehm oder schmerzhaft empfunden. Dann wird bei langsamem Rückzug mit einer kreisförmigen Bewegung die Schleimhaut aufmerksam beurteilt. Aus auffälligen Bereichen kann mit einer kleinen Zange eine Gewebeprobe (Biopsie) entnommen werden, die der Pathologe dann feingeweblich untersucht. Die Biopsie ist für den Patienten schmerzfrei. Findet sich ein Polyp kann dieser in der gleichen Sitzung abgetragen werden. Hierzu wird der Polyp mit einer „Elektroschlinge“ abgetragen, geborgen und anschliessend von einem Patholgen feingeweblich untersucht. Eine unkomplizierte Koloskopie ohne Polypabtragung dauert ca 20-30 min. Viele Menschen scheuen vor einer Vorsorgekoloskopie aus Angst vor Schmerzen zurück. Durch neue schonende Beruhigungmittel kann die Darmspiegelung heutzutage aber in fast allen Fällen völlig schmerzfrei erfolgen, der Patient „verschläft“ die Untersuchung regelrecht. Lediglich bei Epilepsiekranken und schwer Lungen- oder Leberkranken gibt es Einschränkungen bei der Sedierung. Nach der Untersuchung unter Beruhigungsmitteln verbleibt man noch einige Zeit beim Arzt und darf am Untersuchungstag nicht mehr Auto fahren. Bei unauffälligem Befund sollte Koloskopie nach 10 Jahren wiederholt werden.
Koloskop_mit_Befund
Bilder: Koloskop und Koloskopiebefund des normalen Kolons ( links: harmloses Lipom)

  • Virtuelle Koloskopie: Eine neue Methode, bei der keine Instrument, in den Darm eingeführt werden muß. Der Darm muß aber trotzdem gründlich gereinigt werden. Mit einer CT oder einem MRT werden Schichtaufnahmen des Darm angefertigt, aus denen dann ein Computer ein dreidimensionales Bild errechnet. Nachteil dieser Untersuchungsmethode ist, dass kleine oder flache Polypen übersehen werden können und Polypen generell nicht entfernt werden können. Dafür muss sich dann eine herkömmliche Koloskopie anschließen. Wegen dieser Nachteile und der Strahlenbelastung bei der CT-Methode, wird die virtuelle Koloskopie nicht zur Vorsorge empfohlen.
  • Kapselendoskopie: Zur Untersuchung des nur schwer endoskopisch zugänglichen Dünndarms wurde eine kleine Kamera entwickelt, die in einer Kapsel geschluckt wird und dann Bilder aus dem Inneren des Darms sendet. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist diese Methode noch nicht zur Darmkrebsvorsorge geeignet, da nur ein Teil der Schleimhaut beurteilt werden kann und auch in Zukunft keine Polypen entfernt werden können.

Zusammenfassend ist Dickdarmkrebs heute nicht nur durch Früherkennung viel besser zu heilen (frühe Darmkrebse haben eine viel bessere Prognose), sondern man kann Darmkrebs auch aktiv verhindern. Damit ist der Darmkrebs – recht ähnlich dem Lungenkrebs – eine sehr oft vermeidbare Tumorerkrankung.

Gress


Prof. Dr. med. Thomas M. Gress
Direktor der Klinik für Innere Medizin am Universitätsklinikum Gießen und Marburg, Standort Marburg; Schwerpunkt Gastroenterologie und Endokrinologie


Müller



Dr. med. Daniela Müller
Fachärztin für Innere Medizin, Abteilung für Gastroenterologie des Uniklinikums Gießen und Marburg, Standort Marburg


Anmerkung der Redaktion: Die Verfasser von Gastbeiträgen erhalten keine finanziellen Zuwendungen.


Autor(en): Prof. Dr. med. Thomas Gress, Dr. med. Daniela Müller

Ein Beitrag vom 13.03.2010

Stichwörter: Darmkrebs, Vorsorge, Karzinom, Darmkrebsrisiko, Darmpolyp, Prävention,



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Diese Seite wurde zuletzt am 01.02.2012 aktualisiert.

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