Darmkrebsverteilung: 1. Zökum (ca. 14%), 2. Kolon ascendens (ca. 10%), 3. Kolon transversum (ca. 12%), 4. Kolon descendens (ca. 7%), 5. Sigma (ca. 25%), 6. Rektum (ca. 32%)
Häufigkeit
Die Häufigkeit des Dickdarmkrebs wird vielfach unterschätzt. Jährlich erkranken rund 71.000
Menschen an Darmkrebs, ca. 29.000 sterben daran. Im Vergleich dazu rechnet man in Deutschland mit
etwa 7.000 Verkehrstoten pro Jahr. Insgesamt beträgt das Lebenszeitrisiko an Darmkrebs zu erkranken
in Deutschland zur Zeit ca. 6 %, d.h. 6 von 100 Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens daran. Die
Erkrankung betrifft überwiegend ältere Menschen, ca. 80% aller Darmkrebsfälle treten bei Personen
über 60 Jahren auf.
Bei Frauen ist der Darmkrebs nach dem Brustkrebs die zweithäufigste Krebserkrankung, bei
Männern ist er nach Lungen- und Prostatakrebs die dritthäufigste Krebsart. Die Lebenserwartung
Darmkrebskranker hat sich in den letzten Jahren durch frühere Diagnose und bessere Therapie
deutlich verbessert.
Ursachen
Wir wissen heute, dass sich ca. 90% aller Kolonkarzinome aus gutartigen Vorstufen,
den sogenannten Polypen entwickeln. Die Entwicklung vom gutartigen Polypen zum bösartigen Tumor
kann 10-15 Jahre dauern und wird von Wissenschaftlern Adenom-Karzinom-Sequenz genannt. Dies
bezeichnet einen Vorgang, bei dem sich im Laufe der Jahre verschiedene Genveränderungen
(Mutationen) in Darmschleimhautzellen anhäufen, sodass die Wachstumskontrolle verloren geht und es
über gutartige Vorstufen (den sogenannten Polypen) zu unkontrolliertem bösartigem Wachstum kommt.
Durch eine rechtzeitige Vorsorgekoloskopie (Darmspiegelung) können die gutartigen Vorstufen erkannt
und entfernt werden, so dass fast alle Darmkrebserkrankungen vermieden werden könnten!
a)
Kleiner Polyp
b)
Großer Polyp
c)
Tumor
(Adenom-
Karzinom-Sequenz)
In ca. 8% der Fälle liegt ein genetisch bedingter, erblicher Darmkrebs vor, der sich durch
Gentests nachweisen lässt. Dazu gehören:
1) Familiäre adenomatöse Polyposis (1% aller
Darmkrebsfälle): Bereits bei Jugendlichen bilden sich Hunderte von Polyen, aus denen im Lauf
der Zeit obligat ein Darmkrebs entsteht. Aus diesen Gründen beginnt bei betroffenen
Familienmitgliedern das Vorsorgeprogramm mit dem 10. Lebensjahr. Nach der Pubertät wird empfohlen
den gesamten Dickdarm zu entfernen. Es besteht zusätzlich auch ein erhöhtes Risiko für andere
Tumore wie Schilddrüsenkrebs oder Bindegewebstumoren.
Erblicher nicht polypöser Dickdarmkrebs (HNPCC) (5-7% aller
Darmkrebsfälle): Der häufigste erbliche Darmkrebs mit einem erhöhtem Risiko auch für
Gebärmutter-, Eierstock- und Harnleiterkrebs. Die Tumoren sind vor allem im rechten Kolonabschnitt
lokalisiert und treten bis zum 45. Lebensjahr auf.
Risikofaktoren
Risikofaktor familiäre Belastung:
Menschen, in deren Familie bereits Darmkrebs oder Dickdarmpolypen vorgekommen sind, ohne dass
es sich dabei um eine der oben erwähnten erblichen Darmkrebsformen handelt, haben ein deutlich
erhöhtes Risiko, selbst an einem Darmkrebs zu erkranken. Dabei ist bei Verwandten von Patienten mit
Dickdarmkrebs ersten Grades (Eltern, Geschwister, Kinder) das Risiko etwa 2-3fach erhöht. Ist das
Karzinom bei dem Verwandten vor dem 45. Lebensjahr aufgetreten oder sind mehrere Verwandte ersten
Grades betroffen, steigt das Risiko auf das 3-4 Fache. Menschen mit einer familären
Kolonkarzinombelastung sollten unbedingt 10 Jahre vor dem Zeitpunkt, zu dem das Karzinom bei dem
Verwandten aufgetreten ist, eine Darmspiegelung (Koloskopie) durchführen lassen, spätestens jedoch
mit dem 50. Lebensjahr.
Risikofaktor Darmpolypen:
Darmkrebs entsteht in den meisten Fällen aus gutartigen Darmpolypen. Dementsprechend ist das
Karzinomrisiko, bei Menschen mit nachgewiesenen Polypen erhöht: Bei Polypen, die größer 1 cm sind,
ist das Risiko ca. 4-fach gesteigert, bei multiplen Polypen sogar 4-6fach erhöht. Es ist daher
wichtig, auch nach Entfernung der Polypen regelmäßig eine Kontrollkoloskopie durchführen zu lassen.
Risikofaktor chronisch entzündliche Darmerkrankung:
Wer an Colitis ulcerosa, einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, leidet, hat ebenfalls
ein erhöhten Risiko, an Darmkrebs zu erkranken. Dabei ist da Risiko abhängig von der Dauer, der
Ausdehnung und dem Alter, an dem man an Colitis ulcerosa erkrankte.
Der dauernde Entzündungsprozeß kann zu bösartigen Veränderungen der Schleimhaut führen. Es
wird daher empfohlen, dass sich Patienten, die eine Colitis, bei der der gesamte Dickdarm befallen
ist, nach 8 Jahren, Patienten, bei denen nur das linksseitige Kolon befallen ist, nach 15 Jahren
einer jährlichen Vorsorgedarmspiegelung unterziehen sollten, bei der ausgiebig Gewebeproben
(Biopsien) entnommen werden.
Beim Morbus Crohn des Dickdarms ist die Datenlage noch nicht ganz klar, wahrscheinlich
besteht ebenfalls ein erhöhtes Risiko an einem Dickdarmkrebs zu erkranken, das jedoch geringer zu
sein scheint als bei Colitis ulcerosa.
Risikofaktor Ernährung:
Übergewicht: Übergewichtige Patienten haben ein bis zu
zweifach erhöhtes Risiko, an Darmkrebs zu erkranken
„Westlicher Ernährungsstil“: Unser typischer Ernährungsstil mit fett- und fleischreicher
Nahrung mit wenig Obst, Gemüse und Ballaststoffen begünstigt die Entstehung von Darmkrebs. Bei
übermäßigem Genuß von „rotem Fleisch“ (Rind, Schwein, Lamm, Wild) konnte ein erhöhtes
Darmkrebsrisiko in Studien gezeigt werden. Andererseits gibt es Hinweise dafür, dass sekundäre
Pflanzenstoffe wie sog. Physosterine und Saponine aus Obst und Gemüse vor Darmkrebs schützen
können.
Die krebshemmende Wirkung von Ballaststoffen ist unter Experten umstritten, die Deutsche
Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen empfiehlt trotzdem eine
ballaststoffreiche Ernährung (mehr als 30g Ballaststoffe/d) als Prophylaxe.
Alkohol: Wer viel Alkohol trinkt, hat wahrscheinlich ein erhöhtes Darmkrebsrisiko. Das lassen
mehrere Studien vermuten.
Risikofaktor Lebenstil:
Rauchen: Rauchen ist nachweislich mit einem bis zu
zweifach erhöhten Darmkrebsrisiko vergesellschaftet. Wahrscheinlich sind es die polyzyklischen
Kohlenwasserstoffe, die die Erbsubstanz der Darmschleimhautzellen schädigen.
Körperliche Aktivität:
Personen, die sich viel bewegen, haben in Studien ein geringeres Risiko, Darmpolypen
auszubilden und an Darmkrebs zu erkranken. Bereits 30 bis 60 min moderate körperliche Aktivität am
Tag gehen mit einem verringerten Darmkrebsrisiko einher. Wichtig ist, dass dieser Effekt nicht an
Hochleistungssport gebunden ist, sondern bereits mit einer moderaten sportlichen Betätigung, wie
z.B. flotte Spaziergänge oder das Radfahren zur Arbeit zu erzielen ist.
Risikofaktor Diabetes:
Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass Diabetiker (zuckerkranke Menschen) auch ein erhöhtes
Risiko haben, Darmkrebs zu entwickeln. Möglicherweise wird dies durch die vermehrte Produktion von
Insulin, gegen das der Körper jedoch resistent ist, vermittelt.
Prävention - Wie kann ich mich
schützen?
Wie kann ich das Auftreten von Darmkrebs verhindern?
Ändern Sie Ihre Ernährung und Ihren Lebensstil!
Die folgenden Ratschläge können Ihr Darmkrebsrisiko nachweislich senken:
- Essen Sie nicht täglich „rotes Fleisch“.
- Essen Sie viel Obst und Gemüse sowie ausreichend Ballaststoffe.
- Achten Sie auf eine kalziumreiche Ernährung (min. 1g Calcium/ Tag)
- Hören Sie mit dem Rauchen auf.
- Trinken Sie wenig Alkohol.
- Seien Sie körperlich aktiv, schon 30-60min moderate Aktivität am Tag reichen aus, das
Darmkrebsrisiko zu senken.
- Bekämpfen Sie Ihr Übergewicht.
Nicht sicher protektiv wirksam ist die Einnahme von Vitaminen, Selen oder regelmäßige Aspirin
Einnahme.
Früherkennung - Was kann ich tun, damit ein evtl. Darmkrebs früh erkannt wird?
Vorsorgeuntersuchungen
Zur Früherkennung gibt es verschiedene Untersuchungsmethoden, die zum Teil auch miteinander
kombiniert werden können:
-
Austastung des Mastdarms („rektale Untersuchung“): Dabei
tastet Ihr Arzt mit dem Finger Ihren Mastdarm ab. Manche empfinden das als leicht unangenehm,
schmerzhaft ist es bei Gesunden nicht. Dabei können Tumore im Mastdarmbereich erkannt werden,
höhersitzende Tumore natürlich nicht.
-
Test auf verstecktes Blut im Stuhl (z.B. Hämoccult): Große
Darmpolypen und Dickdarmkrebs neigen dazu, immer wieder leicht zu bluten. Die Blutmengen sind dabei
so gering, dass sie für das Auge nicht zu erkennen sind. Im Test macht eine chemische Reaktion das
Blut sichtbar. Der Test ist störanfällig (nehmen Sie keine Blutwurst, rotes Fleisch, Rettich, hohe
Dosen Vit C oder Aspirin/Diclofenac zu sich und führen Sie ihn nicht während der Regelblutung
durch) und hat auch keine 100% Genauigkeit. Er wird an drei aufeinander folgenden Tagen
durchgeführt. Fällt er positiv aus, heißt das noch nicht, dass unbedingt ein Darmkrebs vorliegt, da
es auch andere Blutungsursachen im Darm gibt. Es sollte dann aber unbedingt eine komplette
Darmspiegelung durchgeführt werden. Dieser Test sollte jährlich durchgeführt werden und wird ab dem
50. Lebensjahr von der Krankenkasse übernommen. Es gibt jetzt auch Testverfahren, die auf
immunologischen und molekulargenetischen Testverfahren basieren und unabhängig von der Ernährung
sind. Diese Tests sind wesentlich aufwendiger und teurer als der herkömmliche Test und werden von
Experten bei nicht sicher nachgewiesenen Vorteilen nicht empfohlen und auch nicht von der
Krankenkasse erstattet.
-
Koloskopie/Dickdarmspiegelung: Die komplette
Dickdarmspiegelung ist die zur Zeit beste Methode zur Früherkennung von Polypen und Darmkrebs.
Zunächst muss der Darm durch Einnahme einer Reinigungslösung am Vorabend und am Tag der
Untersuchung gründlich gereinigt werden. Bei der Untersuchung führt der Arzt ein biegsames
schlauchförmiges Untersuchungsgerät, an dessen Spitze sich eine Minikamera befindet, in den Darm
ein. Die Bilder der Kamera kann er auf einem Monitor betrachten. Durch einen Arbeitskanal können
spezielle Geräte zur Probenentnahme und Polypabtragung eingeführt werden. Der Arzt schiebt unter
Insufflation von Luft, um den Darm besser zu entfalten, das Gerät bis zur Grenze vom Dick- zum
Dünndarm vor. Dies wird von manchen Patienten als unangenehm oder schmerzhaft empfunden. Dann wird
bei langsamem Rückzug mit einer kreisförmigen Bewegung die Schleimhaut aufmerksam beurteilt. Aus
auffälligen Bereichen kann mit einer kleinen Zange eine Gewebeprobe (Biopsie) entnommen werden, die
der Pathologe dann feingeweblich untersucht. Die Biopsie ist für den Patienten schmerzfrei. Findet
sich ein Polyp kann dieser in der gleichen Sitzung abgetragen werden. Hierzu wird der Polyp mit
einer „Elektroschlinge“ abgetragen, geborgen und anschliessend von einem Patholgen feingeweblich
untersucht. Eine unkomplizierte Koloskopie ohne Polypabtragung dauert ca 20-30 min. Viele Menschen
scheuen vor einer Vorsorgekoloskopie aus Angst vor Schmerzen zurück. Durch neue schonende
Beruhigungmittel kann die Darmspiegelung heutzutage aber in fast allen Fällen völlig schmerzfrei
erfolgen, der Patient „verschläft“ die Untersuchung regelrecht. Lediglich bei Epilepsiekranken und
schwer Lungen- oder Leberkranken gibt es Einschränkungen bei der Sedierung. Nach der Untersuchung
unter Beruhigungsmitteln verbleibt man noch einige Zeit beim Arzt und darf am Untersuchungstag
nicht mehr Auto fahren. Bei unauffälligem Befund sollte Koloskopie nach 10 Jahren wiederholt
werden.
Bilder:
Koloskop und Koloskopiebefund des normalen Kolons ( links:
harmloses Lipom)
-
Virtuelle Koloskopie: Eine neue Methode, bei der keine
Instrument, in den Darm eingeführt werden muß. Der Darm muß aber trotzdem gründlich gereinigt
werden. Mit einer CT oder einem MRT werden Schichtaufnahmen des Darm angefertigt, aus denen dann
ein Computer ein dreidimensionales Bild errechnet. Nachteil dieser Untersuchungsmethode ist, dass
kleine oder flache Polypen übersehen werden können und Polypen generell nicht entfernt werden
können. Dafür muss sich dann eine herkömmliche Koloskopie anschließen. Wegen dieser Nachteile und
der Strahlenbelastung bei der CT-Methode, wird die virtuelle Koloskopie nicht zur Vorsorge
empfohlen.
-
Kapselendoskopie: Zur Untersuchung des nur schwer
endoskopisch zugänglichen Dünndarms wurde eine kleine Kamera entwickelt, die in einer Kapsel
geschluckt wird und dann Bilder aus dem Inneren des Darms sendet. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist
diese Methode noch nicht zur Darmkrebsvorsorge geeignet, da nur ein Teil der Schleimhaut beurteilt
werden kann und auch in Zukunft keine Polypen entfernt werden können.
Zusammenfassend ist Dickdarmkrebs heute nicht nur durch Früherkennung viel besser zu heilen
(frühe Darmkrebse haben eine viel bessere Prognose), sondern man kann Darmkrebs auch aktiv
verhindern. Damit ist der Darmkrebs – recht ähnlich dem Lungenkrebs – eine sehr oft vermeidbare
Tumorerkrankung.
Prof. Dr. med. Thomas M.
Gress
Direktor der Klinik für Innere Medizin am Universitätsklinikum
Gießen und Marburg, Standort Marburg; Schwerpunkt Gastroenterologie und Endokrinologie
Dr. med. Daniela Müller
Fachärztin für Innere Medizin, Abteilung für Gastroenterologie
des Uniklinikums Gießen und Marburg, Standort Marburg
Anmerkung der Redaktion: Die Verfasser von Gastbeiträgen erhalten keine finanziellen
Zuwendungen.
| Autor(en): |
Prof. Dr. med. Thomas Gress, Dr. med. Daniela Müller
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Ein Beitrag vom 13.03.2010
Stichwörter:
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