Weiblich, 45 – Darmkrebs

Mit einer Krebsdiagnose leben verändert den Blick auf die Zukunft. (Foto: ArTo / Fotolia)
Mit einer Krebsdiagnose leben verändert den Blick auf die Zukunft. (Foto: ArTo / Fotolia)

Anne S. berichtet von ihrem Kampf gegen den Tumor.

(dbp/auh) „Die Chemo war schrecklich“, erinnert sich Anne S. Die 47-Jährige blättert in einem von zwei prall gefüllten Aktenordnern mit den Dokumenten ihrer Krankengeschichte. Es ist zweieinhalb Jahre her, dass sie die Diagnose Darmkrebs bekam, seitdem hat sich viel angesammelt: nicht nur Arztbriefe und die Befunde der unzähligen Untersuchungen, sondern auch sehr viel selbst recherchiertes Material. „Ich wollte alles über den Krebs wissen“, erklärt die Hochschullehrerin.

Der Tumor, ein Plattenepithelkarzinom des Analkanals, war bei der Entdeckung bereits mehr als fünf Zentimeter groß, „ein T3“, sagt Anne. Bösartige Tumore werden nach ihrer Größe und Ausbreitung in Klassen von T1 bis T4 eingeteilt. Das medizinische Vokabular kommt der Geisteswissenschaftlerin mittlerweile ganz selbstverständlich über die Lippen, sie hat sich intensiv mit allen möglichen Therapiemöglichkeiten beschäftigt. „Damals hab ich mir gesagt: Ich mache jetzt alles, was geht und was mir sinnvoll erscheint.“ Dazu gehörte zuerst die von ihren Ärzten empfohlene kombinierte Radio- und Chemotherapie.

Eine Woche am Tropf

Als sie von der Woche im Herbst vor mehr als zwei Jahren erzählt, verändert sich ihr Blick. Die Erinnerung an diese kräftezehrende Zeit ist offensichtlich schmerzvoll. „Am schlimmsten waren die Nächte, wenn man nicht schlafen kann, weil man immer wieder aufwacht. Und dann hört man die Pumpe, wie sie das Gift in einen hineinpumpt.“ Sie macht das mechanische Klick-Klack-Geräusch nach, das sie eine Woche lang ununterbrochen Tag und Nacht begleitete, während die Chemotherapeutika in ihren Körper flossen und ihre Zerstörungsarbeit leisteten.

Nebenwirkung Menopause

Fast stolz berichtet Anne, dass sie sich kein einziges Mal übergeben musste. „Die Medikamente, die den Brechreiz unterdrücken, haben gut gewirkt.“ Auch der Haarausfall war nur vorübergehend. Täglich in dieser Woche und nach der Chemo noch weitere sieben Wochen musste sie zur Radiotherapie, wo ihr ganzer Unterleib bestrahlt wurde, damit auch die Lymphknoten in der Leisten- und Beckenregion mitbehandelt wurden. Ihre Eierstöcke haben dadurch ihre Produktion eingestellt, die aktive Frau wurde übergangslos in die Menopause katapultiert.

„Einmal hab ich gesagt: Macht mich los, ich muss hier mal raus.“ Es war nur ein kurzer Spaziergang, aber dieser Aufenthalt im Freien wurde zur Gratwanderung. Auf dem Rückweg stand sie vor der Klinik und weinte zum ersten Mal. Sollte sie wieder hineingehen und den ungeheuer kräftezehrenden Kampf weiterkämpfen? Warum nicht einfach nach Italien fahren? Anne entschied sich für den Kampf.

Komplementärmedizin

Ergänzend zur schulmedizinischen Therapie nutzte sie tatsächlich „alles, was geht“, wie sie es geplant hatte: Hyperthermie, Misteltherapie, hoch dosierte spezielle Mikronährstoffe, Taurolidin-Infusionen und eine strikt kohlenhydratarme Ernährung. Was davon ihren Tumor besonders beeindruckt hat, kann niemand wissen. Ein Dreivierteljahr nach Therapiebeginn jedenfalls steht schwarz auf weiß in einem Arztbrief: „komplette Remission“, der Krebs ist weg. Vorerst. Denn als (ehemalige) Krebspatientin hat Anne ein erhöhtes Risiko für eine erneute bösartige Zellveränderung, sei es im Darm oder einem anderen Organ. Deshalb gehören recht engmaschige Kontrollen nun zu ihrem Leben. Und die Angst vor den Untersuchungsergebnissen auch.

Aber die Energie und die Entschlusskraft, die Anne auch schon vor der Erkrankung ausmachten, stellen ihre Angst in den Schatten. Etwas hat sich sogar zum Positiven verändert: „Ich fühle mich nicht mehr gezwungen, Pläne für die ferne Zukunft zu machen, ich bin viel freier geworden.“ Dann lacht sie, als ihr einfällt, dass sie auch in ihrer Umgebung für Bewegung gesorgt hat: „Ich bin für zwei Koloskopien in meinem Bekanntenkreis verantwortlich.“

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Quellenangaben:
Gespräch mit Anne S. (Pseudonym, Name der Redaktion bekannt) am 17.02.2013